Petra Reichel, MUFFEL, undatiert

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Petra Reichel
am 23/09/24

 "Hättest du gerne einen Hund oder eine Katze als Haustier? Dachte ich es mir, du nickst! Oder lieber ein Schwein? Nein? Warum nicht? Sie sind genauso intelligent wie Hunde. Und es gibt ganz unterschiedliche Arten von Schweinen. Wir hatten eine Zeitlang ein Schwein in unserer Wohnung, es hieß

Muffel

Mein Vater war Tierarzt und Spezialist für Wildtiere. Deshalb wohnten wir in einem Zoo. Natürlich nicht in einem Käfig, sondern in einer kleinen Wohnung in dem Wohnhaus für die Menschen, die im Zoo arbeiteten. Und eines Tages kam er mit einem Schweinebaby nach Hause. Einem Afrikanischen Warzenschweinferkel.

Hast du im Zoo schon einmal Afrikanische Warzenschweine gesehen? Wenn sie erwachsen sind,  haben sie 4 große Warzen am Kopf, daher haben sie ihren Namen. Aber unser kleines Ferkel hatte noch keine. Es war winzig und am Verhungern, weil es als das Kleinste und Fünfte von den 4 anderen Ferkeln immer von ihnen weggeschubst worden war, wenn es bei der Mutter trinken wollte. Warzenschweinmütter haben nämlich nur 4 Zitzen, an denen die Ferkel trinken können. Aber es sollte nicht sterben! Es sollte eine Ersatzmutter bekommen: meine Mutter und uns als Ersatzfamilie.

Ein Winzling

„Wen hast du denn da mitgebracht?“ Meine Mutter beugt sich über den in ein Handtuch gewickelten Winzling. „Seine Geschwister lassen ihn nicht an der Mutter trinken, vielleicht können wir ihn am Leben erhalten. Es ist ein Warzenschwein“, erklärt mein Vater. Meine Schwester und ich freuen uns über diesen unerwarteten Gast und auf meine Mutter kommt nun viel Arbeit zu. Aus dem Handtuch kommen ein paar klägliche Töne. Kein Schweinegrunzen, nur ein mattes Fiepen. Noch hat das Schweinchen keinen Namen. Noch wissen wir nicht, ob es den nächsten Tag überhaupt überlebt.

Wir legen es unter eine Wärmelampe auf eine Decke und meine Mutter flößt ihm geduldig mit einer Pipette dünne künstliche Milch ein. Wird das Schweinchen überleben?

Von nun an wird es alle 4 Stunden auf diese Weise gefüttert und am nächsten Tag wirkt es schon kräftiger. Aus dem Fiepen wird ein Grunzen, mit dem es jeden begrüßt. Jetzt wissen wir, dass unser Schweinchen überlebt und wir nennen es „Muffel“.

Willkommen in unserer Familie!

Erst wurde Muffel mit viel Mühe Milch mit Hilfe einer Pipette in sein kleines Mäulchen getropft, aber so schnell er sich erholte, so schnell wuchs sein Hunger. Er saugte gierig an unseren Fingern, aber da kam ja keine Milch heraus. Wir brauchte eine Flasche mit einem Sauger.

Wir sollen eine Babyflasche nehmen, sagst du? Nein dieser Sauger war noch viel zu groß und es wäre zu viel Milch auf einmal herausgeflossen. Wir brauchten etwas Kleineres. Meine Mutter kaufte ein kleines Fläschchen mit Zuckerperlen, du kennst sie bestimmt! Die Perlen aßen natürlich wir, aber Muffel bekam von nun an für ein paar Tage daraus seine Milch. Kleine Schweine wachsen schnell und bald konnten wir ihn aus einer normalen Babyflasche füttern. Unser kleiner Gast wurde immer aktiver.

Sein Lieblingsplatz war im Badezimmer zwischen Heizung und Waschmaschine. Dort lag seine Decke und dort bekam er auch sein Fläschchen. Inzwischen war aus ihm ein sehr neugieriges Ferkel geworden, das uns durch die ganze Wohnung folgte. Wenn meine Mutter das Milchpulver anrührte und die Milch in die Flasche füllte, umkreiste Muffel aufgeregt ihre Beine und sobald sie sich in Richtung Küchentür in Bewegung setze, rannte er mit erhobenem Schwanz so schnell er konnte den Flur entlang, stoppte abrupt am Badezimmer, indem er seine Vorderbeine in den Boden stemmte, drehte sich blitzschnell zu uns um und riss dem Fütterten fast die Flasche aus der Hand, so gierig saugte er die Milch heraus. Danach legte er sich zufrieden auf seine Decke, grunzte ein bisschen und schlief ein Weilchen.

Und er wuchs und wurde noch kräftiger. Ein Warzenschweinferkel ist nicht rosa wie unsere Hausschweine, sonder es hat eine braune, etwas glänzende Haut mit langen borstenartigen dunklen Haaren. Es ist auch nicht so rund wie unsere Schweine, sondern schlank und seine Beine sind länger. Ein Warzenschwein lebt in den Savannen von Afrika. Es muss gut rennen können, denn es wird von vielen Tiere gerne gefressen. Wenn es z.B. von einem Löwen verfolgt wird, rennt es mit hoch erhobenem Schwanz zu seiner Wohnhöhle. Hat es sie erreicht, dreht es sich blitzschnell um und kriecht rückwärts ein Stück hinein. Sein Kopf schaut aber heraus, denn das Warzenschwein hat große Hauer , die aus seiner Schnauze schauen. Mit denen kann es sich sogar gegen einen Löwen verteidigen. Warzenschweine sind sehr mutige Tiere, die in Gruppen leben und sich gegenseitig beschützen und warnen. Damit sie auf der Flucht vor einem Räuber zusammenbleiben, strecken sie ihren dünnen Schwanz beim Rennen in die Luft. So können die anderen Tiere ihrer Gruppe ihrem Anführer folgen. In Südafrika heißen sie daher „Antennenschweine“.

Wo ist Muffel?

„Petra, habt ihr Muffel gesehen?“ Meine Schwester und ich schauen uns an und schütteln den Kopf.  Wir schauen in die Küche. Nein dort ist er nicht. Vorhin lag er noch auf seiner Decke, aber die ist jetzt leer. Wir schauen in alle Zimmer, suchen unter den Tischen und der Eckbank und unter den Betten. Das Schweinchen ist weg. „Das kann doch nicht sein“, murmelt meine Mutter, „der kann sich doch nicht in Luft auflösen!“

Ich gehe noch einmal in das Kinderzimmer, vielleicht liegt er auf dem Sitzsack. Aber nein, auch dort ist er nicht. Ich will gerade aus dem Zimmer gehen, da höre ich einen Ton. Er klingt nah, aber gedämpft. Noch einmal schaue ich mich um. Nichts! Ich muss mich getäuscht haben und gehe zur Tür. Doch, schon wieder höre ich den Ton. Er kommt aus dem, nein, das kann doch gar nicht sein, der Ton kommt aus dem geschlossenen Kleiderschrank! Ich öffne die Tür, kann aber kein Ferkel sehen. Oben hängen Hosen und Kleider und unten liegen die ordentlich zusammengelegten Pullover. Ordentlich? Nein! Sie liegen nicht ordentlich zusammengelegt im Fach. Und jetzt höre ich ein deutliches Grunzen und ganz hinten in dem Pulloverfach bewegt sich etwas. Da liegt ein zufrieden grunzendes Schweinchen! „Hier ist er!“, rufe ich und hole Muffel aus seinem Versteck. Er war wohl unbemerkt in den Schrank geschlüpft, als die Türe offen stand. So ein Schlingel!

Muffel liebte Kleidungstücke, weil sie gut riechen. Schweine können nämlich noch besser riechen als Hunde. Meine Mutter hatte immer große Mühe die alte Wäsche vor dem Waschen zu sortieren. Es gab immer einen Haufen für Kochwäsche, 60° und 30°Wäsche. Bis Muffel die Haufen bemerkte! Dann stürzte er herbei und warf alle Kleidungsstücke begeistert mit der kleinen Schnauze in die Luft und am Schluss sich selber auf den neuen großen Wäschehaufen, den er zerwühlt hatte. Getragene Wäsche duftete so herrlich nach Schweiß und vielen anderen Gerüchen. Zufrieden lag er in der Mitte des Haufens und grunzte glücklich. Bis meine Mutter ihn daraus verscheuchte. Wie gemein!

Muffel lernt fressen

Jeden Tag, wenn wir aus der Schule kamen, wurden wir von unserem Ferkel freudig begrüßt. Es rannte uns entgegen, ließ sich ausgiebig kraulen und folgte uns auf Schritt und Tritt, wenn es nicht schlief. Und sein Hunger wuchs! Muffel sollte nun Brei fressen lernen und nicht mehr aus der Flasche trinken.

Kannst du dir seine Empörung vorstellen, als ihm die Flasche verweigert wurde und er aus einem Napf selber fressen sollte? Es war genauso wie bei einem Baby, das nicht mehr aus der Brust trinken soll.

Meine Mutter stellt ihm einen Napf mit einem Milchbrei in die Küche und tunkt seine Schnauze ein wenig ein. Muffel entwindet und schüttelt sich. Noch ein Versuch. Wieder tunkt meine Mutter seine Schnauze in den Brei. Ein bisschen davon läuft ihm ins Maul. Gut so! Schleck es ab, Muffel! Und tatsächlich, nach ein paar weiteren Versuchen akzeptiert er den Brei. Aber! Jetzt kommt ein großes Aber! Er frisst nur, wenn einer von uns einen Finger in den Brei steckt, so lange Muffel frisst! Das war wirklich mühsam! Viermal am Tag hockten wir neben dem mit Brei gefüllten Napf und steckten einen Finger hinein, bis Muffel alles gefressen hatte.

„Das muss sich ändern!“, beschlossen wir. Zuerst zogen wir den Finger aus dem Brei, sobald unser Schweinchen angefangen hatte, zu fressen, blieben aber daneben sitzen. Und nach einer Weile konnten wir auch aufstehen und uns in der Küchen bewegen, während Muffel fraß. Aber wehe, wir wollten die Küche verlassen! Sofort hörte er auf zu fressen und rannte hinter uns her. Das war uns dann doch zu dumm und wir machten die Küchentür hinter uns zu, damit Muffel nicht hinter uns herlaufen konnte. Oh weh! Das ging gar nicht! Muffel war ja noch ein Schweinekind, das sich genauso verlassen fühlte wie ein Menschenkind, wenn es alleine bleiben muss. Er fiepte verzweifelte und rannt mit seinem Kopf gegen die Küchentür, sodass wir unseren Versuch, ihn beim Fressen alleine zu lassen, ganz schnell wieder aufgaben. Von nun an saß immer einer von uns bei ihm in der Küche, wenn er fraß.

Und wie er fraß! Sauber und ordentlich! Mit einem Bein stellte er sich in den Brei, die anderen drei Beine blieben draußen. Dann tunkte er seine Schnauze in den Napf, schlabberte etwas Brei in das Schnäuzchen, wischte sich diese am Napfrand ab und ging einen Schritt weiter. Tauchte seine Schnauze wieder in den Brei, schlabberte davon etwas auf, wischte die Schnauze wieder am Napfrand ab und ging einen Schritt weiter. Das machte er, bis er den Napf mehrfach umkreist und den Brei aufgeschlabbert hatte. Er war ein sehr ordentliches Schwein. Seine kleinen Kackkügelchen hinterließ es auch nur dort, wo es sollte: im Badezimmer.

Der Unfall

Du kannst dir jetzt sicher vorstellen, wie viel Spaß wir mit unserem Ferkel hatten! Immer hatte es irgendwelche dummen Ideen, über die wir lachen mussten. Muffel war sehr neugierig und wollte bei allem dabei sein, was wir machten. Und genau das wurde ihm zur Falle.

Immer wenn es an der Wohnungstür klingelte, war er als Erster an der Tür und wir mussten aufpassen, dass er nicht ins Treppenhaus rannte. Einmal besuchte uns eine Frau, die nichts von ihm wusste. Sie hielt ihn für einen kleinen Hund. Als wir sie über ihren Irrtum aufklärten, zog sie erschrocken ihre Beine hoch auf den Stuhl, auf dem sie saß und traute sich nicht mehr aufzustehen. Wir mussten so lachen! Muffel war doch nur neugierig und nicht gefährlich!

Aber einmal waren wir schneller an der Tür als er, öffneten sie und er flitzte zwischen unseren Beinen hindurch ins Treppenhaus, um zu sehen, wer da kommt. Wie auf dem mit Teppichboden ausgelegten Flur in unserer Wohnung, stemmte er seine Vorderbeine fest auf die Fliesen im Treppenhaus, um zu bremsen. Aber, oh Schreck, auf dem glatten Boden rutschte er stattdessen weiter auf die dünnen Stäbe des Treppengeländers zu und weil er ein schlankes Schwein war, rutschte er durch eine Lücke zwischen den Stäben und stürzte ein Stockwerk tief hinunter. Das ging alles so schnell, dass keiner von uns hätte ihn rechtzeitig festhalten können. Entsetzt rannten wir nach unten. War er tot?

Vorsichtig hoben wir ihn auf. Er fiepte leise und blutete aus der Schnauze. Wir riefen meinen Vater an, der ihn untersuchte und zu unserer Erleichterung feststellte, dass nichts gebrochen war. Aber Muffel hatte eine Gehirnerschütterung.

Wieder hielten wir ihn in ein Handtuch gewickelt im Arm, wie damals, als mein Vater ihn zu uns gebracht hatte. Wieder flößte meine Mutter ihm Milch mit einer Pipette in seine kleine Schnauze. Und wieder erholte sich unser kleines Schweinchen!

Tschüss Muffel!

Da hatten wir ja noch einmal Glück gehabt! Muffel wurde wieder ganz der Alte. Nein, stimmt ja gar nicht! Er wurde natürlich größer und stärker und … frecher. Er wurde ein kleiner Rüpel, der gerne mit uns kämpfen wollte. Aus seiner Schnauze schauten schon die Spitzen der zukünftigen großen Hauer heraus. Aus unserem Schweinebaby war ein jugendliches Schwein geworden. Es wurde Zeit zum Abschied nehmen. Er brauchte eine Schweinefamilie. Und so brachte ihn mein Vater zu den anderen Warzenschweinen im Zoo. Zuerst in ein Nachbargehege, damit sie sich mit Abstand kennenlernen konnten und nach einer Weile durfte er zu ihnen kommen. Später wurde er in einen anderen Zoo verkauft. Wir haben ihn nicht wiedergesehen, aber nie vergessen!

Unser afrikanisches Warzenschwein.

Viele Jahre später in Swaziland

Das erste Mal in meinem Leben war ich in Afrika, in Swaziland, das zwischen Südafrika, Mosambik und Lesotho liegt. Mit meinem jüngeren Sohn hatte ich eine Hütte in einem Reservat bezogen, die etwas einsam gelegen war, fern ab von dem Touristendorf. Nur ein unbefestigter Weg führte dorthin. Jetzt hatte es über Nacht so heftige Regenfälle gegeben, dass der Weg unpassierbar geworden war und Teile des Geländes überschwemmt waren. Wir waren aber mit meinem älteren Sohn in Mbabane verabredet und mussten ihn davon informieren, dass wir vorläufig nicht mehr aus dem Reservat kommen konnten. Handys gab es damals noch nicht und das nächste öffentliche Telefon befand sich im Touristendorf, zu dem es nur den unpassierbaren Weg gab. Was sollten wir tun?

Eine freundliche Frau, die jeden Tag einmal kam, um den Mülleimer zu leeren, erklärte uns, wie wir querfeldein zum Dorf gelangen konnten. Klopfenden Herzens machten wir uns auf den unbekannten Weg. Obwohl ich im Zoo aufgewachsen und damit Wildtiere gewohnt war, fühlte ich mich nicht wohl bei dem Gedanken, einem dieser Tiere plötzlich in freier Natur gegenüber zu stehen, wenn es unseren Weg kreuzen sollte.

Zu unserer Erleichterung kamen wir aber gut voran. Zuerst durchquerten wir Buschgelände, bis wir auf eine kleine offene, grasbewachsene Hochebene kamen. Und da stand es plötzlich vor uns! Ein großes, kräftiges Warzenschwein mit seinen beeindruckenden Hauern, die seitlich aus der Schnauze ragen. Abrupt blieben mein Sohn und ich stehen. Wie würde dieser Warzenschweineber reagieren? Wobei hatten wir ihn gestört? „Mach dich groß“ lautet der Rat, wenn man einem Wolf in der Wildnis begegnet. Ob das bei einem Warzenschwein auch die angemessene Reaktion war? Ohne weiter zu überlegen, breitete ich die Arme weit aus. Meine geöffnete Regenjacke täuschte nun eine kräftige Person vor, die ich absolut nicht bin. Das Warzenschwein verharrte noch einen Moment, dann drehte es sich um und trottete davon. Mein Puls beruhigte sich wieder. Jetzt empfand ich nur noch Freude über die Begegnung, weil sie mich an Muffel erinnerte.

In das Dorf sind wir dann noch gekommen und auch wieder zurück in unsere Hütte, obwohl wieder ein kräftiges Gewitter losbrach. Aber das ist eine andere Geschichte.